Woche 2

Los Arcos zu Fromista


Nach Los Arcos hatte ich geplant, in Viana zu halten, aber ich lief weiter bis Logrono, eine andere Kathedralenstadt, immer noch die N 111 Hauptstraße überkreuzend. Es war hier, daß wir unsere Pakete absandten, eine komplizierte Angelegenheit. Das ‚refugio' war in der Stadtmitte in Räumen im Obergeschoß. Die Kathedrale war für Besuche geschlossen, aber es waren dort viele Störche mit ihren Nestern auf den oberen Teilen. Ich hatte eine sehr gute Mahlzeit hier mit Lothar und Wer-ner. Große Städte sind von den Pilgern nicht sehr beliebt wegen dem Straßenverkehr und dem Laufen auf dem harten Pflaster. Pamplona und Logrono waren noch erträglich, aber Burgos und Leon waren später viel schwieriger. Najera war mein nächstes Ziel und diesmal kreuzte ich die N 120 Hauptstraße mehrmals an einem ziemlich langen und heißen Tag. Meine einzige Blase auf meiner rechten Ferse hatte sich ständig verschlechtert während der letzten drei Tage. Als ich dann andere Pilger sah, die Behandlung durch eine spanische medizinische Person bekamen, stellte ich mich mit an und bekam die große Blase durchbohrt und die Ferse verbunden. Alles fühlte sich viel besser danach, aber nicht für lange. Die Herberge war hier in der Stadtmitte im Kloster von Santa Maria la Real. Hier traf ich wieder diese junge, sehr große, deutsche Mutter, Alexandria, welche ' den Camino ' mit ihrem weniger als 2 Jahre alten Sohn, Patrick, teils mit Bus und teils mit ihrem 3-Rad Kinderwagen zu Fuß reiste. Beide schliefen in einem Bett in meiner Nähe, und es war ziemlich ungewöhnlich, in dieser Nacht ein Bäby schreien zu hören. In vielen Herbergen, wie auch in diesem, gab es Gelegenheiten zum Kochen oder Mahlzeiten zu machen, mit außerhalb gekaufter Verpflegung. Viele Pilger benutzten diese Gelegenheiten, da auch Tische und Bänke vorhanden waren.

Selstgemachte Kreuze der Pilger in Najera

Am nächsten Tag, den 24.April, wollte ich bis nach Santo Domingo de la Calzada laufen, an einem weiteren heißen Tag aber nach einem kühlen Anfang. Hier ist der Fluß Oja, von dem Rio-Oja (Rio=River) oder La Rioja, der Bezirks Name abgeleitet ist. Unser ‚refugio' war wieder ein Teil des Klosters und einige Mönche waren mit uns beschäftigt. In der Kathedrale in der Nähe befindet sich auf Ewigkeit in einem speziellen großen Käfig ein weißer Hahn und eine weiße Henne. Ganz unbewußt davon sah ich im Garten der Herberge eine Menge von weißen Hühnern und kräftig krähenden Hähnen. Ich vermute diese waren hier, um die in der Kathedrale zu wechseln. Hiermit die Legende der Hühner: Im 14. Jahrhundert pilgerten ein Ehepaar aus der Kölner Gegend mit ihrem Sohn Hugonell nach Santiago de Compostela. Sie übernachteten in einem Gasthaus in Santo Domingo, wo die Gastwirt's Tochter sich dem Sohn anschmeicheln wollte. Dieser aber lenhte sie ab. Aus Rache versteckte die Tochter einen Silberbecher im Gepaäck des Jungen und am folgenden Morgen zeigte sie ihn als Dieb an. Hugonell wurde festgenommen und erhängt. Als die Eltern weiter reisen wollten, hörten sie Stimme des Sohnes, noch am Galgen hängend. Er rief ihnen zu, daß er noch lebendig sei, daß er unschuldig war und daß Sankt Domonic ihn von den Füßen hochhielt. Sie gingen schnellstens zum Haus des Richters, der gerade zu Tisch saß beim Brathuhnessen, ein Hahn und eine Henne. Sie erklärten ihm die außergewöhnliche Geschichte. Der Richter erwiderte, daß der Junge nicht lebendiger wäre als der Hahn und die Henne auf seinem Teller waren. In diesem Moment wuchsen die Vögel, die von dem Teller herausgesprungen waren, wieder Federn und fingen an, herum zu flattern und zu gackern und krähen und so bewiesen sie die Unschuld des Jungen. Der Junge wurde befreit und das Mädchen wurde stattdessen gehängt. Das ununterbrochene Vorhandensein eines Paares weißer Hühner wurde 1965 begonnen, davor konnten sie nur zwischen 15. April und 13. Oktober gesehen werden. Ich konnte leider nicht nahe an die lebenden Hühner in der Kathedrale kommen, da ich die Öffnungszeiten vermißte. Ich traf einige neue Freunde hier: Susanne, eine junge Nonne und Martina, beide von der Schweiz und Kathrin und Petra aus Deutschland. Bis jetzt traf ich noch niemand aus England. Die meiste Zeit laufe ich alleine.

Ich verlasse jetzt die Provinz Rioja und komme in die Provinz Burgos. Es waren nur 22 Kilometer bis Belorado zu laufen, eine leichte Strecke, aber es war wieder sehr heiß. Ich hatte meine schwereren Wanderschuhe gegen die leichteren Sportschuhe (Trainers) wegen der Blase gewechselt, aber ich mußte nach drei Tagen wieder zurück wechseln. Belorado war ein beruhigender Ort. Da ich ziemlich früh eintraf, ungefähr 14 Uhr, hatte ich Zeit durch diese kleine Stadt zu wandern, trank ein Bier mit Tobi auf dem Markt und fand neue Freunde: Otto, Marianne (Deutschland) und Andrea (Neu Zeeland). Lothar und Werner waren auch hier und wir tranken eine Flasche Wein zu Ehren des Geburtstages meines Sohn Peters. Es war der 25. April. Wieder gab es viel Störche hier und eine sehr freundliche Wärterin aus der Schweiz, die hauptsächlich französisch und spanisch sprach, leitete die Herberge. Sie nahm uns zur Abendmesse für Pilger, welche von Katrin ins Deutsche übersetzt wurde.

Wasserbrunnen im Mondschein in San Juan de Ortega

San Juan de Ortega, mein nächster Haltepunkt, war ein anderer hoch empfohlener Platz für eine Übernachtung und zum Ausruhen unserer müden Beine. Hier war nur die Kirche von Sankt Nikolas, die umfassend äußerlich und innerlich renoviert wurde, unsere Herberge für 60 Pilger im alten Kloster daneben sowie die kleine, aber sehr nutzbare Bar ‚Macela'. Das Dorf lag einige hundert Meter abseits. Es war hier sehr ruhig und sehr entspannend. Der hiesige Priester, Don Jose Maria Alonso, in Zivil bekleidet, saß den ganzen Nachmittag in seinem Auto und schien die Bibel zu lesen. Und kümmerte sich um nichts um ihn herum. Aber bei der Abendmesse, die wieder mehr oder weniger Pflicht für uns war, legte er einfach einen weißen Kittel an und leitete eine schlichte Messe. Er gab uns wieder den Segen für unsere Pilgerreise. Wegen den Renovierungsarbeiten war die Kirche fast leer. Nur ein schlichtes Kruzifix schmückte die Kirche. Hier traf ich Meriam das erste Mal, ein andächtiges junges katholisches Mädchen aus Japan. Martina aus der Schweiz war von Lothar's Singen oder Summen des bekannten Liedes "Amazing Graze" sehr beeindruckt, wobei er aber die deutsche Version "Ein schöner Tag" sang. Ich hatte zufällig alle fünf englische Verse mit meinen 8 Kirchenliedern, welche Martina sofort abschrieb. Dazu hatte ich 2 Verse auf Tonband, gesungen von Nana Mouskouri. Mit dieser Text- Hilfe machten sich Katrin, Martina und ich in der Dämmerung auf zur Kirche und sangen dort alle Verse und noch andere Lieder. Das war eine ausgezeichnete Ablenkung. Wir erfuhren, daß der Priester am Abend nach der Messe eine freie Knoblauchsuppe an alle Pilger austeilte, aber irgendwie habe ich das verpaßt. Den freien Kaffeetrunk am nächsten Morgen konnte ich jedoch genießen. Es war hier, daß unser Basque Mitpilger, Jose, 75 Jahre alt und nur 2 Monate jünger als ich, daß er Lothar und mir eine weitere Fußbehandlung gab und meine große Blase ein zweites Mal aufstich. Danach hatte ich keine Blasenprobleme mehr. Von hier waren es noch ungefähr 23 km bis nach Burgos, die größte Stadt auf meinem Weg.

Es gab drei drei mögliche Wege, nach Burgos zu pilgern. Ich nahm dem mittleren Weg über Hügel und Wiesen mit grasenden Kühen, ihre Glocken hell klingend. Burgos war ein Problem. Man mußte 8 km durch die Stadt laufen an einem heißen Nachmittag und alles auf Pflaster. Man könnte natürlich mit einem Bus fahren, aber wenige taten das, denn wir wollten doch den Camino laufen. Ich traf Lothar und Werner, die an einer Bar anhielten und nach einem erquickenden eiskalten Tee, liefen wir zusammen, um unser nächstes ‚refugio' am anderen Ende der Stadt zu finden. Es war ein langer, ermüdender Weg durch die Straßen von Burgos. Es gab sehr wenig gelbe Pfeile in der Stadt. Wir erhielten unterschiedliche Anweisungen von den Einheimischen, die wir fragten, die aber nicht mit meinen Anweisungen übereinstimmten. Wir hatten uns mehrmals verlaufen, liefen an der schönen Kathedrale in Eile vorbei ohne das Innere zu besuchen, da wir einen Platz im refugio nicht verfehlen wollten. Es gab noch Platz für uns, aber in Burgos beginnen viele Pilger ihren Weg und viele kommen hierher mit Zug oder mit dem Flugzeug. Die spanische Wärterin der Herberge, eine enorme Person (verglichen mit mir) gab jedem Pilger ein freundliches Willkommen mit einer Umarmung und zwei Küssen auf unseren Backen. Viele alte Freunde kamen hier zusammen und eine Neue, Maria, aus Deutschland. Wir trafen uns zuerst in der angeblichen Damendusche, kaum zu glauben. Wir hatten nicht immer unterschiedliche Duscheräume, aber, wenn, wie hier, das Wasser in einem Duscheraum heiß war, aber nicht in der Herrendusche, so ging ich (natürlich) zu den heißen Duschen. Wir müssen hier ungefähr 100 Pilger gewesen sein. Es war am Nachmittag ziemlich heiß aber nach einem sehr kalten Anfang des Tages. Nur wenige von uns liefen zurück in die Stadt und zur Kathedrale. Ich ging jedoch mit 5 anderen Mädchen (als Leibwächter) um einen Supermarkt zu finden. Wir brauchten alle Verpflegung für den Abend und den nächsten Tag. Die Mädels machten für uns alle ein herrliches , vegetarisches Essen. So habe ich leider einen Besuch der Burgos Kathedrale verfehlt.

Bis San Juan de Ortega beobachteten wir eine ältere Pilgerin, die alleine lief. Wir vermuteten, daß sie entweder eine Französin oder Belgierin wäre und daß sie 68 Jahre alt sei. Kurz hinter Burgos erschien eine andere einsame Pilgerin, die auch alleine lief, aber straff mit uns Schritt hielt. Das war also Eve aus Vancouver in Kanada. Sie war 71 Jahre alt und trug immer einen Rock. Am Sonntag, den 28. April, wollte ich eigentlich bis nach Castrojeriz laufen, eine lange Strecke von 34 Kilometern. Auf einem grasigen Weg an diesem heißen Tag verlor ich meine Brille, die ich nie wieder finden konnte.

Santo Domingo Kirche in Castrojeriz

Maria und Marianne wollten das ungewöhnliche 'refugio' in Sambol ausprobieren, das ich vorher beschrieben hatte. Ich war hier mit den beiden Mädels und 6 weiteren Pilgerinnen zusammen. Es war wieder ein heißer, aber angenehmer Nachmittag gefolgt von einer Vollmondnacht. Ich war nun etwas zurück in meinem Zeitplan. Am nächsten Tag lief ich durch Castrojeriz und blieb für die Nacht in Itero de la Vega in der Nähe des Flusses Piscuerga, aber erst nachdem ich mich bald wieder irgendwo verlaufen hätte. Wieder war ich als Erster in dieser von der Stadtverwaltung geführten Herberge und erst viel später kam jemand zum Anmelden. Es war ein angenehmer, ruhiger Aufenthalt hier mit heißem Wasser und Gelegenheit zum Wäsche waschen, was ich und Andere ausnutzten. Zu uns kam hier ein etwas kleiner, aber kräftiger Kerl, ein Spanier mit seinem Fahrrad. Er war wohl kein echter Pilger, denn er hatte viele Kamera Ausrüstung bei sich, insbesondere eine Videokamera. Sein Name war Jose, aber er wollte Jonathan genannt werden. Er stammte aus Barcelona. Er arbeitete freiberuflich und war hier um den CAMINO zu filmen. Später bat ich ihn um eine Kopie seiner Arbeit, die er mir nach 5 Monaten zusandte. Wir blieben in vielen Herbergen bis fast zum Ende zusammen. Marianne und Maria waren hier noch mit mir, aber Marianne hatte immer mehr Ärger mit Blasen und ihren Beinen. Als wir uns am nächsten Tag in Fromista trafen, entschied sich Maria schneller voraus zu laufen.

Mittagspause mit Maria in Castrojeriz

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