![]() |
Hintergrund und Einleitung |
Buen Camino!
Es bedeutet "Habe eine guten (oder angenehmen) Weg!"
Die drei mir am Häufigsten gestellten Fragen, nachdem ich von meinem 800 Kilometer langem Pilgermarsch nach Santiago de Compostela zurückkehrte, waren : Wie kamst Du auf diese Idee? Warum hast Du es unternommen? Wie ist es Dir ergangen? In den folgenden Seiten will ich das erläutern.
Ich hatte noch nie von Santiago in Spanien als ein Pilgerort gehört. Im Herbst 1997 nahm ich an einem Treffen der überlebenden Kameraden eines gewissen Kriegsgefangenenlagers in der Ukraine teil, in dessen Lager mein Bruder Hans 1945 gestorben war (Ich hatte von seinem Tod erst 52 Jahre später erfahren). Dort nahmen einige von uns an einem Sonntags Gottesdienst in der katholischen Kirche teil. In dieser Kirche stand ein übergroßer Weihrauchschwenker, noch viel größer, als derjenige, den ich in Santiago später sah.
![]() |
Der große Weihrauch- Schwenker in Santiago |
Ich bin ja nicht katholisch, aber man erzählte mir von dem ähnlichen Gefäß in Santiago und als dann noch eine Ausstellung über den Jakobsweg nebenan zu sehen war, wurde ich immer neugieriger. Aber Leute laufen dorthin zu Fuß? Dachte ich? Ich entschloß mich auf der Stelle, daß ich das eines Tages unternehmen könnte. Es war für mich eine Herausforderung, die ich schaffen könnte. Ich war 71 Jahre alt. Überall versuchte ich nach und nach mehr Auskunft darüber zu ergattern. Meine Tochter Marion wollte gerne mitlaufen, aber sie konnte sich keine 5 Wochen frei nehmen. Sie hatte aber von einer Bäuerin in Dorset (Judy Foot) gehört, welche diesen Weg (die Französische Route) vor Kurzem geschafft hatte und ein Buch darüber geschrieben hatte. Ich besorgte mir das Buch, es war und wurde später für mich sehr wertvoll. Mehrere andere Bücher hatte ich mir aus der Bibliothek geliehen Aber als Pastor Brian Moore von meiner Kirche, St.Saviours, entschieden hatte, eine Gruppe aus der Kirche im Juni 2002 per Flugzeug und Bus nach Santiago zu führen, entschloß ich mich sofort, meinen Pilgermarsch zu Fuß zu machen. Juni wäre sowieso etwas zu heiß gewesen,so wählte ich April und Mai.
Bestimmt benötigt so ein langer Marsch viele Vorbereitungen und viel Übung im Laufen. Das war jedenfalls meine Einstellung. Ich begann bereits Ende Oktober 2001 mit täglichem Laufen bis meistens 24 km und trug immer einen gfüllten Rucksack von mindestens 10 kg. Bis Mitte April bin ich 1700 km gelaufen und hatte wenige Probleme, keine Blasen. Die richtige und gute Ausrüstung mußte ich mir nach und nach anschaffen und Vieles hat mir mein Sohn Markus geliehen. Ich bereitete mich zum Anfang auf den 14. April 2002 vor. Es war ein großes Abenteuer ins Ungewisse.
Warum tat ich es? Zuerst war es die Herausforderung. Dazu kam dann die Idee (von Judy Foot) die nicht sehr bekannte Wohfahrt zur Unterstützung von Brustkrebs-Forschung zu fördern. Da meine verstorbene Frau Audrey an diesem schrecklichen Leiden verstorben war (vor 26 Jahren), schien es mir passend dies zu ihrer Erinnerung zu tun. Beim Pilgern, da man viel alleine läuft, hat man viel Zeit und Gelegenheit zum Besinnen, zum Beten und Bußen und ist von der Stillnes und Schönheit der Natur umgeben.
Am 21. Mai 2002 ,ein Dienstag, flog ich direkt von Santiago nach Heathrow/London zurück, nachdem ich den vollen EL CAMINO in 32 Tagen zu Fuß ohne Ruhetage, aber mit vier Tagen im herrlichen Santiago geschafft hatte. Niemals entlang des ganzen Weges kam mir der Gedanke aufzugeben, trotz dem fürchterlich langen Bergauflaufen. Am Ende fühlte ich mich sehr beruhigt und gar nicht erschöpft. Ich fühlte mich körperlich und geistig besser, als vorher. Ich kann so eine Pilgertour jedem und jeder empfehlen. Ich wollte eigentlich vermeiden, einen chronologischen Bericht über meinen EL CAMINO zu geben, aber es scheint nicht möglich zu sein. So laßt uns beginnen!
Ich werde meinen Pilgermarsch als "Der Weg" oder "EL CAMINO" beschreiben, denn EL CAMINO heißt auf Spanisch "Der Weg". Die einheimischen Spanier, die wir öfters trafen, grüßten uns immer mit "BUEN CAMINO", das bedeutet ‚Habe einen guten oder angenehmen Weg'. Auch die Pilger wünschten sich gegenseitig dasselbe. Ein "refugio" ist eine Herberge für die Nacht, ganz gleich, wie primitiv. Ein "peregrino" ist ein Pilger in Spanisch. Entlang des ganzen Weges von rund 800 km muß man nach den gelben Pfeilen suchen, die überall an Haüsermauern, an Bäumen, an Felssteinen oder auf dem Weg angemalt waren oder nach der berühmten Jakobsmuschel Ausschau halten, besonders wenn sich der Weg änderte. Wie später beschrieben, war das nicht immer einfach. Im Durchschnitt fand ich an einem gewissen Tag rund 100 Wegzeichen, sodaß entlang des ganzen Weges 4500 bis 5000 solcher Pfeile oder Muscheln sein müßten. Trotzdem gab es Situationen, wo man einfach nicht wußte, in welcher Richtung weiter zu gehen. Sowas passierte mir gleich am ersten Tag, in der ersten Stunde(!), als ich durch eine etwas undeutliche Beschreibung eine halbe Stunde in die falsche Richtung lief, also eine volle Stunde verlor. Man läuft selten auf geteerten Straßen, sondern auf besonderen Wegen neben diesen Straßen oder über die Berge mit losen Steinen, durch hohes Gras, über kleine Flüße ohne Brücken wo man über große Steine balancieren muß, sowie entlang der heißen und trockenen Hochebene mit wenig Schatten.
![]() |
Nach dem Wolkenbruch wurde mein Weg zu einem Fluß! |
Wenn man doch mal entlang einer Hauptstraße laufen mußte, immer gegen den Verkehr, so war das, allein schon wegen dem vielen Lastwagenverkehr, sehr ungern getan. Es war natürlich auch etwas gefährlich. Das wichtigste Stück in meiner ganzen Ausrüstung war ein Paar feste und gut eingelaufene Wanderschuhe und von bester Qualität. Man hatte mir empfohlen, immer zwei Paar Socken zu tragen, denn zwei Paar zusammen zu tragen soll Blasen vermeiden. Trotzdem entwickelte sich bereits am sechsten Tage eine große Blase an meiner rechten Ferse. Diese wurde zwei Tage später in Najera von einem Art Sanitäter aufgestochen und die Ferse verbunden. Leider blieb die Wunde nicht offen und so mußte die erneute Blase am 11. Tag erneut von einem spanischen Mitpilger aufgestochen werden. Danach hatte ich aber auf dem restlichen Weg keine weiteren Probleme. Ehe ich jeden Tag an meinem nächsten Ziel ankam, fühlte sich mein Rucksack fast doppelt so schwer, als die 11 Kg im Inhalt. Diese Herbergen, ‚refugios' genannt, waren in Abständen von 20 bis 30 Kilometern eingerichtet und es gab auch manchmal Kleinere zwischendurch. Ich folgte fast genau den Weg, den Judy Foot in ihrem Buch beschrieben hatte mit nur zwei Ausnahmen und hatte dadurch keine Probleme. Ganz besonders erfreute mich die herrliche Landschaft über die Pyreneen, welche ich am ersten Tag fast ganz alleine überquerte. Wo waren die vielen anderen Pilger? Sie erschienen erst auf der spanischen Seite in Roncesvalles und noch viel später. Der erste volle Tag war für mich der schwierigste und zugleich der herrlichste Tag. Irgendwann kamen doch zwei Pilger, Melanie aus Bamberg und Alan aus Australien und etwas Später Tobi , ein Deutscher, vorbei, aber alle liefen mir mit ihren jüngeren und längeren Beinen bald voran. Mit Tobi überquerte ich noch die Grenze nach Spanien, ein 60 cm hoher einziger Strand von Stacheldraht. Es war einfach bezaubernd, die völlige Stille in den Bergen zu genießen und ich hielt öfters an nur um diese Stille zusammen mit der wunderschönen Landschaft voll zu genießen. Dabei vergaß ich den anstrengenden Aufstieg. Ich konnte einige ausgezeichnete Fotos machen. Später hörte ich auf der spanischen Seite viele Kuckucks und sah sehr viele Störche. Die Störche fanden auf fast allen Kirchen Platz für ihre Nester. Ich habe natürlich keine Kuckucks gesehen, aber habe sie schon von Weiten gehört und mehrmals auf Tonband aufgenommen.
| Rückseite | Haupt | Zunächst |